Hier gibt es einen etwas längeren Ausschnitt, auch zum ausdrucken (PDF).
Die kleine Geschichte der Bica – Teil 1:
Kaffee und Liebe und Lieder für die Toten
Andenken: mein einziges Foto, das Papa zeigt; ein Wimpel von Benfica Lissabon; eine Kaffeedose.
Lieber Papa
Ich wurde auf der Flucht vor meinem Vater geboren, in einem Hotel voller Gespenster. Meine Mutter war aus der Stadt geflohen, in der mein Vater sie verlassen hatte. An dem Tag, an dem sie sich kennenlernten, sang er Fado im Bairro Alto, der Oberstadt von Lissabon. Meine Mutter hatte seine Stimme schon gehört, als sie im Chiado aus der Straßenbahn gestiegen war – der Wind stand günstig. Wir Portugiesen sind ein Volk von Seefahrern, wir sind es gewohnt, dass der Wind unser Schicksal bestimmt.
Mama wollte zu ihren beiden Tanten und ihrer Cousine, an einem Abend der Woche kochte sie für die drei Frauen. Mamas Eltern lebten nicht mehr. Sie war nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig. Sie hörte diese Stimme, und der frische Seeteufel in ihrer Tasche war vergessen und mit ihm alle Pflichten. Sie folgte dem Wind. In dem noch leeren Lokal räumte der Wirt die Stühle von den Tischen und warf hin und wieder einen Blick auf den stummen Fernseher über der Tür.
«Benfica gewinnt?», fragte meine Mutter.
Was der Wirt antwortete, ging unter im Gesang meines Vaters (1,69 m; sollte für eine zu kurze Weile am liebsten den Kaffee trinken, den meine Mutter kochte). Er probte nicht – wie könnte man das Schicksal proben? –, er ließ die Saudade in Tönen aus seiner Seele bluten, tiefe Trauer und Sehnsucht, nein, Wehmut, nein, Melancholie, Weltschmerz, Traurigkeit, Saudade eben, die sich Bahn brechen muss und nicht warten kann, bis Zuhörer kommen.
Meine Mutter setzte sich an einen der wenigen Tische, mit der Einkaufstasche auf ihrem Schoß. Der Wirt stellte sich vor der Tür in die Sonne und schloss die Augen.
Mein Vater sang.
Und während über ihrem Kopf Benfica verlor, verlor meine Mutter ihr Herz an die Sehnsucht.
Den Fisch ließ meine Mutter verderben. Bevor mein Vater am nächsten Morgen ging, bevor er sie das erste Mal, wenn auch nur für ein paar Stunden, verließ, machte Mama ihm einen Kaffee. Das Wasser dafür kam aus einem Brunnen im Hof, in Mamas Wohnung gab es keinen Wasseranschluss. Mein Vater sah ihr zu, wie sie Bohnen in die Mühle schüttete, die Kurbel drehte und dabei ihren ganzen Körper einsetzte. Er roch den würzig-bitteren Duft der frischen Bohnen, beobachtete, wie sie das eckige Espresso-Kännchen auf den Herd setzte, wie sie den Kaffee tanzte, und mein Vater, bereits verliebt in das Leben, verliebte sich auch in Mamas Kaffee.
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Ein einziges Foto besitze ich von meinem Vater. Mama weiß nichts davon. Sie hätte mir das Foto abgenommen und es zerrissen. Tante Sofia, Mamas Schwester, hat mir die alte Aufnahme nach Straßburg geschickt, wo wir damals mit Stiefpapa Numéro 5 wohnten. Gerade rechtzeitig, denn auch diesen Stiefpapa sollten wir bald darauf verlassen. Als hätte das Foto meines Vaters Mama und mich auf geheimnisvolle Weise wieder auf die Flucht geschickt.
Mit dem Andenken an meinen Vater wurde ich Sofias erste Kundin, hatte sie doch gerade ihren Andenkenladen in Sintra eröffnet, dieser verzauberten kleinen Stadt in den grünen Hügeln nicht weit von Lissabon – Sintra, wo ich geboren wurde, Sintra, das Paradies.
«Er ist ein guter Kerl, trotz allem», versicherte mir Tante Sofia flüsternd am Telefon, und ich presste mein Ohr an die Muschel. «Du musst doch wissen, wo du herkommst. Aber zeig das Foto niemandem, schon gar nicht deiner Mutter. Das würde sie nämlich sehr, sehr traurig machen.»
Der Mann auf dem Foto sah hungrig aus, ein frecher Kerl mit einer widerspenstigen Tolle, hübsch wie ein Seehund, mit glänzenden, schwarzen Augen und einem Schnurrbart, den jede Frau der Welt hätte streicheln wollen. Was man von seiner Jacke sah, wirkte sehr altmodisch, wie aus einer anderen Zeit. Abends vor dem Schlafengehen strich ich heimlich über das postkartengroße Porträt, mein Zeigefinger folgte dem Bogen des schmalen, geschwungenen Bartes. Der Blick des Mannes aber ärgerte mich, er suchte nach einer Frau, die hinter mir in seinem Publikum stand. Auf meine Augen trafen seine Augen nie.
Beinahe jeden Tag traf sich meine Mutter mit meinem Vater vor dem Friedhof Prazeres. Dort liegt die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 28, ein Wendepunkt. Der Friedhof ist eine eigene Stadt, und die Menschen dort leben ihr stilles, waagerechtes Leben in steinernen Häuschen.
Mein Vater sprach mit den Toten. (Vielleicht kann ich es deshalb auch?) Er wanderte durch die staubigen Straßen, kommentierte dort eine zerbrochene Fensterscheibe, lobte da ein Blumenarrangement, er sagte: «Einen schönen Blick auf den Tejo haben Sie, Sie brauchen nur den Sargdeckel zu öffnen und sich ein Stück hinauszulehnen. Ich würde Sie beneiden, wenn ich da nicht ein Mädchen kennengelernt hätte ...» Manchmal legte er den Toten die A Bola auf den Sarg, nachdem er sie gelesen hatte, denn die Fußballergebnisse waren das, was die Männer im Leben am meisten interessiert hatte.
«Die Witwen», sagte mein Vater zu meiner Mutter, «reden am Grab immer nur von ihrer Familie und davon, wie leer das Haus ist und wie viel sie schuften müssen, um die Kinder durchzubringen. Sie entschuldigen sich, wenn sie mit einem anderen Mann ausgegangen sind, oder sie beschimpfen den Toten, weil er es wagte, sie zu verlassen. Keine von ihnen erzählt, wie Benfica gegen Porto gespielt hat.»
Mein Vater hatte keine Begabung für Familie, aber ganz sicher hatte er eine für die Toten. Manchmal sang er ihnen etwas vor.
«Ich besorge mir dort die Schwermut für die Musik. Wann immer mir zu behaglich wird. Wenn ich anfange, mein Glück als selbstverständlich hinzunehmen. Die Saudade liegt uns Portugiesen keineswegs im Blut. Sie muss erneuert werden. Meistens sorgt das Leben schon dafür.»
«Du bist plemplem», sagte meine Mutter zu ihm, aber sie lächelte dabei. Ein verrücktes Gefühl wie die Liebe fühlt sich am wohlsten bei Verrückten. Wer da im Bad von Zimmer 314 ein Kondom durchpiekst, ist Bica (1,49 m; trinkt am liebsten einen Galão). Durex Emotions steht auf der Verpackung – klingt das nicht wie dauerhafte Liebe? Bica seufzt und glättet die Ränder der Folie. So. Nichts ist mehr zu sehen von dem winzigen Loch in der Familienplanung.
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Paul Mesa
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